Die große Stille

Mittwoch, 21. Mai 2014

Das waren noch Zeiten, als ich im Wochentakt meine mehr oder weniger gelungenen Blogeinträge raushaute. Irgendwie gab es immer irgendetwas, worüber sich schreiben ließ. Das Feedback war grandios und ich sah mich schon mit Buchvertrag in der Tasche. Manchmal passierte so viel, dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher kam und ich mir manche Themen für später aufheben wollte, wie zum Beispiel meinen Showdown mit Professor Rose, einem Lungenfacharzt, der sich irrsinniger Weise der Behandlung von Kindern verschrieben hatte, obwohl er von dieser Spezies Mensch fast noch weniger Ahnung hatte als von Müttern mit todkranken Kindern. Oder ich wollte etwas über das Glück schreiben, das einem die eigentlich kleinen Dinge bringen, die durch ihre Simpelheit dann zu den wirklich großen Momenten werden. Ach, ich wollte überhaupt ganz viel machen und dann ist am Ende gar nichts daraus geworden – stattdessen bin ich gewissermaßen verstummt.
Der guten Ordnung halber darf man einen ganz entscheidenden Punkt natürlich nicht verschweigen, für den ich dem lieben Herrgott jeden Tag aufs Neue danke. Lena befindet sich weiterhin in Remission und produziert bei ihren regelmäßigen Check-Up-Terminen in der Klinik sehr ansprechende Blutbilder. Die Pubertät hat sie voll und ganz im Griff und wer nicht weiß, was hinter uns liegt, würde niemals auf die Idee kommen, es nicht mit einer ganz normalen, überwiegend schlecht gelaunten knapp 16-jährigen zu tun zu haben.
Alles andere hingegen, was ich in den letzten Monaten auf der Uhr hatte, hat sich irgendwie nicht so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt habe. Meine Yoga-Krähe? Komplette Fehlanzeige! Ich mache überhaupt kein Yoga mehr, was ich im Prinzip sehr bedauere, aber energetisch nicht umgesetzt bekomme. Etwas energetisch nicht umsetzen zu können hört sich auf jeden Fall besser an als diesbezüglich zu phlegmatisch zu sein, letzteres trifft die Sache im Grunde aber ganz gut. Wenn sich dieser Umstand nun nur auf das Yoga beziehen würde, wäre es ja gut. Aber leider muss ich feststellen, dass ich auch ansonsten ziemlich ziel- und orientierungslos durchs Leben treibe. Lena hat es gut – die hat ihre Pubertät und wird davon so in Beschlag genommen, dass alles andere keine Rolle mehr spielt, aber ich sitze hier und vermisse allen Ernstes den Fokus, den mir der tägliche Kampf ums Überleben meines Kindes gegeben hat. Sollte ich mir Sorgen um meine geistige Gesundheit machen?
Meine Bestseller-Ambitionen liegen derzeit ebenfalls auf Eis. Wie immer habe ich ausreichend gute Gründe parat wie etwa die täglichen logistischen Herausforderungen, die ein Leben mit drei Kindern und zwei Hunden so mit sich bringt. Onkologe, Kinderarzt, Zahnarzt, Kieferorthopäde, Tierarzt, Elternabend und immer wieder meine Architekten… Handwerker, Physiotherapeuten, Golfstunden, Tennis, Klavierunterricht – you name it, we’ve got it. Wenn ich aber ganz ehrlich sein soll, macht das vor allem wahnsinnig viel Arbeit – der persönliche Spaßfaktor hingegen geht gen Null. So kann das nicht weitergehen. Es muss sich etwas ändern, aber was? Wie realistisch ist es, dass ich mich verpflichtungstechnisch entschleunige? Und darf ich so etwas überhaupt denken, geschweige denn sagen? Sollte ich nicht stattdessen einfach nur dankbar sein, dass ich überhaupt drei Kinder habe, denen ich den ganzen Tag dienen darf? Wo kommt denn plötzlich dieser Egoismus her, den ich jahrelang ziemlich gut im Griff hatte? Habe ich am Ende eine MIDLIFE CRISIS???? Oder bin ich kurz davor, mich zu Tode zu langweilen?
Eventuell ist es doch besser, die Klappe zu halten und zu schweigen. Dann verflüchtigen sich irgendwann vielleicht auch wieder all die unangenehmen Fragen. Als Duracell-Bunny durchs Leben zu rennen, hat vor diesem Hintergrund durchaus auch seinen Reiz. Ich bräuchte dann nur ganz dringend mal einen Satz neue Batterien.

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