Das Schicksal ist ein mieser Verräter

 

Mittwoch, 22. Mai 2013

Dass der Tod zum Leben dazu gehört, ist eine Tatsache. Früher oder später wird jeder von uns mit dieser Erkenntnis konfrontiert – in welcher Form auch immer. Doch so sehr wir uns auch darüber bewußt sein mögen, dass wir uns alle irgendwann mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, so unfassbar ist es immer wieder, wenn ein Kind stirbt. Was soll man einer Mutter sagen, deren Kind kurz vor seinem 6. Geburtstag an Krebs stirbt? Tut uns leid, das gehört zum Leben dazu? Was bitte soll das für ein Leben gewesen sein, dass gerade mal fünf Jahre lang gedauert hat und zu einem nicht unwesentlichen Teil vom Kampf gegen die Krankheit bestimmt war? Was wird aus dem Leben der Eltern, die alles dafür getan haben, um ihrem Kind zu helfen und am Ende mit einem solchen Verlust dastehen? Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben!
Von Friedrich Nietzsche stammen die Worte: Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. Ich kann nur sagen, dass die Bäche wohl eher reißende Flüsse sind und es eine schlechte Zeit für Regenbögen ist.
Gestern ist der Sohn einer Mutter gestorben, die ich in der Klinik kennengelernt habe. Sie als gute Freundin zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas zuviel gesagt. Dennoch fühle ich mich ihr sehr nahe und bin unglaublich traurig und kann einfach nicht fassen, dass ihr Sohn tatsächlich tot ist – obwohl ich mich durch Lenas eigene Krebserkrankung nun seit fast anderthalb Jahren praktisch täglich mit diesem Thema auseinandersetze. Es gab anfangs so viel Hoffnung. Wie kann man es schaffen, diese Hoffnung nicht zu verlieren, wenn sie immer wieder so bitter enttäuscht wird? Der Tod von Kindern, die man selbst kennengelernt und deren Kampf man miterlebt hat, wirft einen einfach aus der Bahn. Selten fand ich den in der Überschrift erwähnten Buchtitel von John Greene so passend.
Und trotzdem muss es weitergehen. Man muss seinen Mut zusammenkratzen und die verlorene Hoffnung wieder einfangen. Niemals darf man denken, dass das eigene Kind vielleicht das nächste ist, das es trifft. Das zu schaffen, ist wirklich schwer – auch wenn sich das Außenstehende vielleicht nur schwer vorstellen mögen. Sobald die Umstände von außen betrachtet positiv sind, neigen die meisten Menschen dazu, jede Menge Optimismus zu verbreiten und sind häufig ziemlich verunsichert, wenn man als Betroffener diese Euphorie nicht so recht zu teilen vermag. Das ist keine böse Absicht, das ist kein Pessimismus, sondern das ist völlig normal. Die Momente, in denen man wirklich Zeit zum Nachdenken hat, führen automatisch dazu, dass man ZUVIEL nachdenkt.
Ich bin mir relativ sicher, dass es nur wenige Mütter und Väter eines krebskranken Kindes gibt, die nicht in praktisch jeder freien Minute über das Worst Case Szenario nachdenken. Das ist auf Dauer unglaublich zermürbend und lässt sich nur durch Vollzeitbeschäftigung vermeiden. Dazu gehört übrigens auch die Pflege des Kindes. So absurd es klingen mag, aber solange man Tag und Nacht damit beschäftigt ist, ein totkrankes Kind durch die Torturen der Krebstherapie zu begleiten, hat man kaum Zeit dazu, ständig darüber nachzudenken, was als nächstes passieren wird. Einen solchen „Job“ macht man entweder ganz oder gar nicht. Aber wehe, das Gröbste ist erst einmal vorbei. Dann lauert die Gefahr der Erkenntnis dessen, womit man es gerade zu tun hat, hinter jeder Ecke. Und deshalb muss man sich beschäftigen, womit auch immer. Ich habe mich aktuell aufs Aufräumen verlegt. Ich räume und organisiere und archiviere, bis alles total ordentlich ist. Dank dreier Kinder und einem Hund kann ich damit zum Glück jeden Tag immer wieder von vorne beginnen. Abends schwenke ich mir einen schönen Wein ein und treffe mich mit Freundinnen. Letztes Wochenende habe ich mich freiwillig in eine Art Sportbootcamp begeben. Samstags eine Stunde joggen, Sonntag und Montag 6 Kilometer stramm bergauf auf einem Mountainbike. Das waren glückliche und total romantische Momente mit meinem Mann, die mich mal für ein paar Stunden abgelenkt haben.
Die Ablenkung ist das Wichtigste – und ich kann nur hoffen, dass Tanja, die gestern ihr Kind verloren hat, irgendwann etwas finden wird, das sie zumindest temporär von dem Schmerz ablenkt, den sie vermutlich für den Rest ihres Lebens empfinden wird. Bitte denkt an sie, an ihren Mann und ihren Sohn und schließt sie in Eure guten Gedanken ein!
Der Tod gehört zum Leben dazu -was für ein Scheiß!!!

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